Durch kulturelle Demokratie zu Cultural Leadership

Kultur stärkt Demokratie nicht automatisch – sie muss selbst demokratisch organisiert sein. Lars Ebert fragt, wie kulturelle Teilhabe, Repräsentation und Entscheidungsmacht neu gedacht werden können, damit Kultur mehr ist als Angebot oder Standortfaktor. Aber vor allem zeigt er auf, warum Cultural Leadership dort beginnt, wo Kulturpolitik soziale Wirkung, kulturelle Rechte und gemeinschaftliches Handeln ernst nimmt.

 

Inmitten der gewaltigen und oft verwirrenden Veränderungen, denen unsere Gesellschaften ausgesetzt sind, bieten Kunst und Kultur einen Raum für Sinnstiftung, kritische Reflexion über Vergangenheit und Gegenwart sowie inspirierende Zukunftsvisionen. Wie Brian Eno es ausdrückt, fungiert Kultur in einer sich rasch entwickelnden, aber zunehmend fragmentierten Welt als „fantastisches Gespräch“, das Gesellschaften zusammenhält und für unsere gemeinsame Zukunft unverzichtbar ist. Um nachhaltigen erhalten zu bleiben, sind Demokratien auf diese Vision des Fortschritts angewiesen, da diese hoffnungsvollen Bilder einer besseren Zukunft Menschen dazu ermutigen, ihre Freiheiten wahrzunehmen und sich am demokratischen Leben zu beteiligen. 

Angesichts erzwungener Migration und anderer Herausforderungen wie dem Klimawandel, die populistische Ansichten und soziale Spaltungen verstärken, wird Kultur zunehmend als Mittel angesehen, um ideologische und emotionale Gräben zu überbrücken und die Demokratie zu stärken. Allerdings ist Kultur selbst zu einem – von konkurrierenden Identitätsentwürfen und Ideologien geprägten – umkämpften Raum geworden, da sich die Rezeption von Kultur zunehmend in Richtung personalisierter On-Demand-Erlebnisse verlagert. Obwohl Kultur für die Demokratie von grundlegender Bedeutung ist, muss sie selbst demokratisch sein, um diese wichtige Rolle erfüllen zu können. Wenn kulturelle Einrichtungen und Angebote repräsentativ für deren Gemeinschaften stehen sollen, müssen wir uns fragen, wie effektiv bestehende partizipative Systeme sind. Wie gut binden sie unterschiedliche Interessengruppen in die Steuerung, Repräsentation und Produktion von Kultur- und Wissenssystemen ein?
 

Allerdings ist Kultur selbst zu einem – von konkurrierenden Identitätsentwürfen und Ideologien geprägten – umkämpften Raum geworden, da sich die Rezeption von Kultur zunehmend in Richtung personalisierter On-Demand-Erlebnisse verlagert.

 

Das transformative Potential von Partizipation

Partizipative oder sozial engagierte Kunst wird oft als zweitrangig gegenüber traditionellen Kunstformen angesehen, da dieser vermeintlich die etablierten künstlerische Standards fehlen. Diese Voreingenommenheit rührt von ästhetischen Idealen her, die „künstlerische Qualität“ historisch durch starre und enge Rahmenbedingungen definiert haben. In der heutigen vernetzten Welt erweitern sich jedoch die Vorstellungen von Qualität. Sie entwickeln sich hin zu pluralistischeren, inklusiveren Perspektiven, die ein größeres Spektrum künstlerischer Praktiken und den weitreichenden Einfluss der Kunst auf die Gesellschaft anerkennt. In diesem Verständnis liegt der kulturelle Wert nicht nur im Kunstwerk selbst, sondern auch in dessen (potentiell) transformativen Effekten auf Einzelpersonen und Gemeinschaften, indem soziale Ungleichheit adressiert, Inklusion gefördert und Resilienz gestärkt wird.
 

Kulturelle Demokratie

Das Konzept der kulturellen Demokratie umfasst diese Inklusivität, Zugänglichkeit und aktive gesellschaftliche Beteiligung. Es zielt darauf ab, kulturelles Schaffen und Ausdrucksformen für alle zugänglich zu machen. Es fördert die Stimmenvielfalt und befähigt Gemeinschaften, kulturelle Narrative aktiv mitzugestalten, wodurch eine diversere und repräsentativere Kulturlandschaft entsteht. Dieser Ansatz umfasst die Einbindung des Publikums, erstreckt sich aber auch auf die Fragen, wer Entscheidungen trifft, wessen Stimmen verstärkt werden und wie Kultur von Institutionen, Geldgebenden und politischen Entscheidungstragenden definiert und unterstützt wird.

Die Umsetzung kultureller Demokratie steht jedoch vor Herausforderungen, insbesondere bei der Überwindung institutioneller Trägheit und bestehender Machtverhältnisse innerhalb von Kulturorganisationen. Begrenzter Zugang zu Ressourcen, systemische Vorurteile und ein enger Kulturbegriff können die Teilhabe vieler Gemeinschaften zusätzlich einschränken. Auch kulturpolitische Entscheidungsträger*innen spielen eine Rolle, wenn sie kulturelle Demokratie als Bedrohung etablierter Normen künstlerischer „Qualität“ oder ästhetischer Standards ablehnen.
 

Cultural Leadership

Sozial engagierte Künstler*innen und Kulturpraktiker*innen treiben diese Ideen dennoch voran und werfen Fragen zur Rolle von Kultur für positive, soziale Veränderungen auf. Obwohl sie oft ohne breite gesellschaftliche Anerkennung agieren, hinterlassen sie tiefe Spuren in ihren Gemeinschaften – auch ohne konsequente Unterstützung durch Politik und Förderprogramme. Diese Haltung, dieses Cultural Leadership, erfordert eine Kulturpolitik, die den intrinsischen (sozialen) Wert von Kultur stärkt, anstatt sie ausschließlich für wirtschaftliche oder politische Ziele zu instrumentalisieren; eine Kulturpolitik, die nicht nur kurzfristig erreichbare Ziele verfolgt, sondern die Bedeutung des Kultursektors für die nachhaltige Stärkung von Demokratie, Resilienz und die Entwicklung überzeugender Vorstellungen einer besseren Zukunft anerkennt.

 

Diese Haltung, dieses Cultural Leadership, erfordert eine Kulturpolitik, die den intrinsischen (sozialen) Wert von Kultur stärkt, anstatt sie ausschließlich für wirtschaftliche oder politische Ziele zu instrumentalisieren; eine Kulturpolitik, die nicht nur kurzfristig erreichbare Ziele verfolgt, sondern die Bedeutung des Kultursektors für die nachhaltige Stärkung von Demokratie, Resilienz und die Entwicklung überzeugender Vorstellungen einer besseren Zukunft anerkennt.


Der Bericht zur Lage der Kultur (State of Culture Report, Oktober 2024) unterstreicht die Rolle von Kultur für gesellschaftliche Veränderungen. Dieser Ansatz von Cultural Leadership basiert auf Inklusion, Gerechtigkeit und Gemeinschaftsorientierung – Prinzipien, die im Mittelpunkt der Charta von Porto Santo stehen[1]. Die Charta spiegelt das Engagement der europäischen Kulturakteure für kulturelle Teilhabe wider, indem sie für einen Rahmen plädiert, der Kultur nicht nur als Ware oder Tradition betrachtet, sondern als aktive, partizipative Praxis, in der jede Stimme und jede Gemeinschaft ihre eigenen kulturellen Erfahrungen gestalten kann. 

Zugleich deuten die jüngsten politischen Entwicklungen auf internationaler und europäischer Ebene darauf hin, dass die Debatte um kulturelle Demokratie in eine neue Phase eintreten könnte. Mit dem „Kulturkompass für Europa“[2] skizziert die Europäische Kommission einen strategischen Rahmen, der Kultur stärker in den Mittelpunkt europäischer Werte, kultureller Rechte und des sozialen Zusammenhalts rückt. Während kulturelle Demokratie – wie sie in der Charta von Porto Santo formuliert ist – kulturelle Teilhabe und gemeinsames Handeln in den Vordergrund stellt, bietet der Kulturkompass neue institutionelle Ansatzpunkte, um diese Prinzipien in konkrete politische Instrumente, Finanzierungsrahmen und sektorübergreifende Zusammenarbeit umzusetzen. Die Betonung von kulturellen Rechten, Zugang und Selbstbestimmung steht im Einklang mit den langjährigen Forderungen nach einem demokratischeren kulturellen Ökosystem, auch wenn kulturelle Demokratie nur teilweise auf der Ebene verbindlicher Politik verankert ist. Diese Veränderung wird auf globaler Ebene durch die Ergebnisse der MONDIACULT-Konferenz 2025[3] noch verstärkt. 


Durch die Demokratisierung von Kultur – also das Überdenken von Werten, Partizipation und Führungskompetenz – können Kunst und Kultur marginalisierten Stimmen mehr Gehör verschaffen und das demokratische Leben stärken. Die Anpassung politischer Rahmenbedingungen an Initiativen wie die Charta von Porto Santo, den Kulturkompass für Europa und globale Verpflichtungen aus MONDIACULT kann die Voraussetzungen dafür schaffen, dass kulturelle Demokratie vom Diskurs zur dauerhaften Praxis wird. Nachhaltiger Kapazitätsaufbau, Wissensaustausch und systemische Reformen sind unerlässlich, um sicherzustellen, dass zukünftige kulturelle Leitungspersonen wirksam arbeiten und einen substanziellen Beitrag zum Wohlergehen vielfältiger Gemeinschaften leisten können.

 

Lars Ebert ist Generalsekretär von Culture Action Europe, wo sein Schwerpunkt auf der Interessenvertretung und dem Dialog zwischen Branchenvertreter*innen und politischen Entscheidungsträger*innen in der gesamten EU liegt.

 


1 Für mehr Information zur Porto Santo Charter siehe: https://portosantocharter.eu/ 

2 Für mehr Information siehe: https://culture.ec.europa.eu/policies/culture-compass 

3 Für mehr Information zur MONDIACULT Konferenz 2025 siehe: https://www.unesco.org/en/mondiacult  

 

Cover des IG Kultur Magazins 2026. Kultur Macht GesellschaftDieser Artikel ist im IG Kultur Magazin 2026  "KULTUR MACHT GESELLSCHAFT" erschienen. 

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