Kulturelle Demokratie ist ein ambivalenter Begriff und kann sowohl auf Kunst und Kultur als ästhetisch-demokratisches Handeln als auch auf Kultur als demokratiefördernde Gesellschaftsform oder -vision verweisen. Prinzipiell umfasst kulturelle Demokratie Adjektive wie prozessoffen, partizipativ, inklusiv, divers, konfliktaffin und sollte vor allen Dingen eine Selbstkritik üben. Eine funktionierende, lebendige, kulturelle Demokratie ist sich ihrer eigenen Prekarität bewusst und fragt sich immer wieder selbst, wie demokratisch sie eigentlich ist bzw. sein könnte.
Eine funktionierende, lebendige kulturelle Demokratie ist sich ihrer eigenen Prekarität bewusst und fragt sich immer wieder selbst, wie demokratisch sie eigentlich ist bzw. sein könnte.
Für mich ist eine kulturelle Demokratie eng mit dem Begriff des Konflikts bzw. des Konfliktuellen verzahnt. Mit Konfliktoffenheit meine ich, dass Konflikt per se kein Problem ist, das wir schnell und für immer auflösen können. Vielmehr verstehe ich Konflikt als etwas Wesentliches für das Zustandekommen einer (kulturellen) Demokratie. Es geht dabei darum, Dinge nicht als gegeben oder statisch wahrzunehmen, sondern als verhandelbar und so Konflikt und Kontingenz (d.h. die radikale Nicht-Notwendigkeit von z.B. Systemen, Zuständen, Normalitäten) zu verschränken. Die aktuelle politische Kultur ist jedoch von Konsensdenken, wenn nicht gar Konsensfetisch gezeichnet, der mit aktuellen, konfliktbehafteten Realitäten aneinandergerät. Dabei scheinen uns demokratische Mittel zu fehlen, mit diesen Konflikten demokratisch umzugehen.
Æffektivität/Gefühlskultur
Ein Begriff, den ich in diesem Zusammenhang gerne anführe, ist Æffektivität[1]. So wie sich „A“ und „E“ hier gewissermaßen einen buchstäblichen Rücken teilen, beschreibt das Zusammenspiel von Effektivitätskriterien und Affekten. In unseren Gegenwarten spielen gelebte und gefühlte identitäts- und ungleichheitsbezogene Wahrheiten im Kontext von Politik eine große Rolle. Ein rein rationalistisches, instrumentelles Verständnis von Politik bringt uns nicht weiter, sondern hat uns global populistische Kräfte beschert, die meistens aus dem rechtskonservativen Spektrum kommen und Menschenwürde nicht mehr als selbstverständlich und unverletzlich ansehen. Nun ist es wichtig zu fragen, welche politischen Konsequenzen gesamtgesellschaftliche Gefühle, wie sich abgehängt, stolz oder benachteiligt fühlen, haben.
Gleichzeitig darf die Frage nach Effektivität nicht übergangen werden. In politischen Systemen und Entscheidungen geht es schließlich darum, knappe Ressourcen wie Geld, Zeit und Arbeitskraft sinnvoll für die Gestaltung dieser Kontexte einzusetzen. Ein gewisser effektiver und effizienter Organisationsgrad ist wichtig, um eine funktionierende, nicht korrupte politische Ordnung zu gewährleisten. Zugleich gilt es anzuerkennen, dass ein affektiverer Ansatz das ‚default subject‘, das oft nur weiß, männlich und able-bodied gedacht wird, erweitern kann und Raum für „andere“ Erfahrungen und Gefühle machen kann.
Konfliktmuskel trainieren
Als proaktive Konflikttheoretikerin möchte ich gerne einen Vorschlag machen, bei dem Konflikte nicht endgültig aufgelöst werden, sondern Menschen einüben, diese Konflikte auszuhalten: Der Konfliktmuskel[2] wäre jener Muskel, der uns Kraft und Ausdauer für die Austragung demokratischer Konflikte gibt.
Das bedeutet, widersprüchliche und konfligierende Interessen und Positionen nicht per se als Bedrohung wahrzunehmen, die ausgeschaltet werden müssen. Sondern eine Perspektive zu stärken, die diesen im Rahmen von Gegner*innenschaft begegnet und ihre Existenz prinzipiell als legitim anerkennt – solange diese Positionen auf demokratischen Prinzipien beruhen.
Die Metapher des Muskels verweist einerseits sinnbildlich darauf, dass demokratisches Handeln etwas ist, das nur durch Aktivität gestärkt wird. Andererseits ist damit die Frage verbunden, wie das Politische in unseren Körpern lebt und wir es wiederum verkörpern. Hierbei gibt es Parallelen zwischen politischem und künstlerischem Handeln. Gerade freie Kulturarbeit und künstlerische Praxis stehen exemplarisch dafür, wie kulturelle Demokratie gelebt werden kann: Dinge auszuprobieren und dabei neugierig, mutig und kritisch zu sein. Das ist dann das Mandat dafür, wie wir aktiv und æffektiv für die Demokratie Sorge tragen.
Friederike Landau-Donnelly ist politische Theoretikerin und Stadtsoziologin und arbeitet derzeit als Gastprofessorin an der Humboldt-Universität zu Berlin im Bereich Kultur- und Sozialgeographie.
Coverbild Bildausschnitt © Friederike Landau-Donnelly
1 Das Konzept der Æffektivität wurde von Steven Duncombe vom Center for Artistic Activism entwickelt.
2 Diese Idee geht auf das Konzept des Mut-Muskel-Trainings zurück, das von der Organisation Radikale Töchter entwickelt wurde.
Dieser Artikel ist im IG Kultur Magazin 2026 "KULTUR MACHT GESELLSCHAFT" erschienen.
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