Gedenkschilder stürzen!

Von April bis Anfang November war in den Räumlichkeiten der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) unter dem Titel „Annäherungen an die Ferne. Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek“ kartographisches und Textmaterial europäischer Kolonialreisen mit Schwerpunkt 17. Jahrhundert aus der hauseigenen Sammlung ausgestellt.

Von April bis Anfang November war in den Räumlichkeiten der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) unter dem Titel „Annäherungen an die Ferne. Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek“ kartographisches und Textmaterial europäischer Kolonialreisen mit Schwerpunkt 17. Jahrhundert aus der hauseigenen Sammlung ausgestellt[1]. Der Gang durch die entlang geographischer Trennlinien angeordnete Ausstellung muss mit zwei inhaltlichen Denkrahmen unterfüttert werden, um eine verständige Betrachtung möglich zu machen: Einmal braucht es den historischen Kontext kolonialer Forschungsreisen und des Etablierens der Geographie als universitäre Wissenschaft. Und zweitens ein mapping-artiges Wissen über den lokalen Kontext von thematisch verwandten Ausstellungen in Wiener Museen der letzten zehn Jahre.

Finsternis in der Geschichtswerkstatt
Die Ausstellung in der ÖNB ist nicht vollkommen geschichtslos gestaltet. Zwar lebt sie von den „Kostbarkeiten“, der verzaubernden Ästhetik der mehrere hundert Jahre alten Kupferstiche. Und sie lebt auch von der vermeintlichen Kuriosität des Abgebildeten, den allegorischen Fabeltieren, die auf den Karten die Mischung aus Abenteuer und Ungewissheit bezeichnen sollen: „Die Kenntnisse von der Ferne bestanden im 17. Jahrhundert noch aus einer Verschränkung von Realem und Irrealem – letzteres veranschaulicht durch hypothetische und fantastische Darstellungen.“ (Natürlich drängt sich die Frage auf, ob sich diese Verschränkung im Laufe der Zeit und der Erkenntnisse aufgelöst oder nicht eher von märchenhaften zu modernen rassistischen Bildern verschoben hat).

Am Rande angedeutet wird ein Bruch in der Darstellung von kolonisierten Gebieten und Gesellschaften zwischen der ersten und der zweiten Phase des Kolonialismus. Wird in der Frühzeit der kolonialen Unternehmungen noch das Bild hoch entwickelter gesellschaftlicher und ökonomischer Organisationsformen nachgezeichnet, so wird mit dem Beginn des transatlantischen Sklav*innenhandels und seiner notwendigen Rechtfertigung die Vorstellung unterentwickelter, kulturell und historisch bedeutungsloser Gegenden und Kontinente etabliert. Ein Produkt dieser Vorschubleistung ist bis heute das rassistische Sprechen vom „dunklen Kontinent“, der sowohl Hautfarbe/n als auch Unkenntnis meint. Hätte es auch anders sein können, als dass Carsten Fastner seine Ausstellungsrezension im Falter mit „Ins Herz der Finsternis“ betitelt? Ja, „hätte“, aber dazu bedarf es erst der Aufhellung der geistigen Finsternis in den eigenen Köpfen.

Zwei brauchbare historische Rahmenbezüge werden in der Ausstellung hergestellt: Über die Produktion von Kupferstichen und daraus gebundenen Büchern wird auf einer Texttafel mit Illustration der Arbeitsschritte aus Manufakturen im 17. Jahrhundert erzählt; auch um den Streit der großen Atlasverlagshäuser um ihre Marktanteile geht es hier. Und die Kolonisierung wird, was in der österreichischen Erinnerungskultur nicht alltäglich ist, als solche bezeichnet und beschrieben, wenn dann auch immer wieder von der „Periode der großen Entdeckungen“ die Rede ist und davon, „das Innere der Kontinente zu erfassen und zu erschließen“.

Doch was die Kartographie letztendlich mit dem Kolonialismus, von dem die Rede ist, zu tun hat (Welche Ausgangsbedingungen brauchte sie, wozu führten die kartographischen Aufzeichnungen, in wessen Auftrag wurden sie von wem ausgeführt, und was ist dabei, wie nebenbei, noch erledigt worden? Woher kam das Geld, in welchem Verhältnis zu den kartographischen Unternehmungen standen die europäischen Universitäten und geographischen Gesellschaften, in welchem das Militär? Aufschlussreiche Beiträge liefern dazu etwa Köfler 2002, Zimmerer 2004) – das wird nicht ersichtlich. Mensch kommt nicht umhin, die historische Kontextualisierung als das – ein wenig aufgesetzt wirkende – Beiwerk zu betrachten, das nicht mitzuliefern sich die ÖNB allein aus wissenschaftlichem, vielleicht auch politischem Anspruch nicht leisten kann.

Die Reise bringt das Verbrechen nach Hause
Anders das Wien Museum, und anders auch das Künstlerhaus. Die Leitung von letzterem ließ zum Jahreswechsel 2001/2002 an ihrem historischen Verstand zweifeln, als sie mit der Ausstellung „Die Entdeckung der Welt – Die Welt der Entdeckungen. Österreichische Forscher, Sammler, Abenteurer“ die Geschichte kolonialer Forschungsreisen auf dem politischen Niveau von Robinson Crusoe abhandeln ließ. Menschengroße Puppen stellten österreichische Forschungsreisende dar, umgeben von ihren „Funden“ und schriftlichen Belegen ihrer Erkenntnisse, die aus verschiedenen Museumssammlungen zusammengetragen worden waren. Ein vergleichbar großer Teil der Ausstellung war der Habsburger Kriegsmarine gewidmet, vor allem einem viel(zuviel)gerühmten Schiff, mit dem die Marine in Begleitung des Erzherzogs Ferdinand Maximilian in den 1850ern die Welt umsegelte. Warum sie das tat, und dass auch die Habsburger „Brasilienexpedition“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts eben nicht als Hochzeitsreise für Leopoldine und Don Pedro gedacht war, sondern als handfester Expansions- und Kolonisierungskurs, darüber wird geschwiegen. Kolonisiert haben die anderen – tu felix Austria nube.

„Die Reise bringt die Welt nach Hause. Im ausstellbaren Format, in die Warenwelt und die ökonomischen Kreisläufe, in die Imagination, in die Landschaft der Gärten und Parks“, schreibt Elke Krasny in Bezug auf die ethnographische Sammlung des deutschen Ethnologen und Reisejournalisten Georg Forster, der gemeinsam mit seinem Vater in den 1770ern eine von James Cook’s Reisen „forschend begleitete“. Weltausstellungen sind ein Dreh- und Angelpunkt für die Kritik an kolonialen Ausstellungsverhältnissen, und mensch würde meinen, das sei spätestens seit der begonnenen Aufarbeitung der Zurschaustellungen von Menschen im Wiener Prater im späten 19. Jahrhundert (vgl. Schwarz 2001) ein musealer Allgemeinplatz. In der Ausstellung des Wien Museums, „Zauber der Ferne – Imaginäre Reisen im 19. Jahrhundert“, die bis ins Frühjahr 2009 zu sehen war, war dieser Kritik allerdings nicht im Mindesten Rechnung getragen. Im Gegenteil wurden wie in einem Remake die „attraktivsten Versatzstücke aus dem Fundus des Museums“ ausgegraben (vgl. Starl 2009) und gerahmt von Tapeten, die Rudyard Kipling nicht schlechter entwerfen hätte können, und von tropisch anmutendem Vogelgezwitscher, den Besucher*innen einmal mehr vorgeführt. Darunter nicht nur Guckkästen und Laterna Magicas, sondern auch die Fotos von zur Ausstellung gezwungenen Gefangenen aus kolonialen „Forschungsunternehmungen“, eines davon das unkommentierte Foto eines Kindes, das gerade vermessen wird – 130 Jahre und kein bisschen mehr verstanden?

We stand for Decoloniality!
Für eine antikoloniale Kritik an Sammlungen und Ausstellungen ist es notwendig, zwischen kolonialem Raub und kolonialen Kontinuitäten zu unterscheiden. Ersterer materialisiert sich in Ausstellungs- und Sammlungsstücken und ist immer öfter und öffentlicher mit Restitutionsforderungen verbunden. An den darüber geführten Diskussionen lässt sich ablesen, wie viel Aufarbeitung noch nötig sein wird, um ein Verständnis über koloniale Unternehmungen als Verbrechen zu etablieren. Die Panik der Museumsdirektionen, ihre „besten Stücke“ hergeben zu müssen, sind aus NS-Restitutionsfällen hinreichend und peinlich bekannt; die charakteristische Schattierung im Fall kolonialer Raubgüter ist das immer wiederkehrende Argument, Herkunftsland und Herkunftsgesellschaft des Museumsstückes seien nicht in der Lage, die rückerstatteten Güter ebenso sorgsam zu pflegen wie ihr europäisches Pendant. Und es ist längst nicht so weit, dass „Kultur“ und „Geschichte“ Raster wären, die auch entkolonisierten Gesellschaften zugestanden würden.

Die kolonialen Kontinuitäten im Museum sind hingegen nicht unbedingt an geraubten Gegenständen festzumachen. Sie manifestieren sich vielmehr im Fehlen der postkolonialen Hänschenfrage: Von wo aus forsche, betrachte, erzähle, beurteile, zeige ich? Am weißen, bürgerlichen, institutionellen Europa als Mittelpunkt der Welt des Wissens und der Erkenntnisse wird nicht gerüttelt. Im Ausstellungstext der ÖNB ist sehr wohl zu lesen, dass „Europas Expansionsbestrebungen nach ,Übersee‘ (...) mit Begriffen wie Unterdrückung, Ausbeutung, Kolonisierung verbunden“ werden; sie „vervielfachen aber aus europäischer Sicht auch Kenntnisse über die Erde“. Es war also „nicht alles schlecht“? Natürlich hat der Kurator Jan Mokre, Direktor der Sammlung von Handschriften und alten Drucken in der ÖNB, nicht den gleichen stumpfsinnigen Fehler gemacht wie seine KollegInnen aus Künstlerhaus und Wien Museum: so tun als wäre nichts gewesen; das muss ihm und seinen MitarbeiterInnen im Kontext der Wiener Ausstellungslandschaft auch angerechnet werden. Und doch wird immer wieder fröhlich im gleichen Fettnapf herumgeplanscht: Schilder werden aufgestellt, auf denen de facto steht: Wir wissen, es ist falsch, es tut uns leid, wir sind die Nachkommen von VerbrecherInnen und profitieren davon – dahinter die Ausstellung, von all der reuigen Erkenntnis ungestört. Denn wo das Material, in diesem Fall die unglaubliche Ansammlung handgefertigter Kupferstiche, schon mal da ist, wieso es versteckt halten? Kann es eigentlich Formen der Anerkennung für so etwas wie immateriellen Raub geben?

Es gibt in der Museologie und der Ausstellungskonzeption sowohl von wissenschaftlicher Seite (v. a. Kunst- und Zeitgeschichte) als auch aus linken (Diaspora) Bewegungen eine ganze Reihe brauchbarer Konzepte, wie mit „Anti-Schätzen“ diverser Sammlungen umzugehen wäre. Sie bauen auf kritisch-politischer Kontextualisierung auf, sehen vom Gegenstandsfetisch ab und erkennen, dass eine aufarbeitende Auseinandersetzung mit dem (notwendigen) Akt der Rückgabe oder einem aufgestellten (Gedenk)Schild nicht erledigt ist. Sich auf solche Konzepte zu stützen – oder sie sich einfach abzuschauen – würde bedeuten, endlich mit einer nicht nur reaktionären sondern auch zutiefst langweiligen Ausstellungskultur zu brechen. Es ist an der Zeit, Museen an sich in Frage zu stellen. Macht ein, zwei, viele dekolonisierende Geschichtswerkstätten!

Besprochene Ausstellungen
Annäherungen an die Ferne. Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek. ÖNB, Wien. 24. April bis 8. November 2009

Zauber der Ferne – Imaginäre Reisen im 19. Jahrhundert. Wien Museum Karlsplatz, 4. Dezember 2008 bis 29. März 2009

Die Entdeckung der Welt – Die Welt der Entdeckungen. Österreichische Forscher, Sammler, Abenteurer. Künstlerhaus, Wien. 27. Oktober 2001 bis 13. Januar 2002

Verwendete Literatur
Berger, Tanja (2001): „Räuber, Retter und Gelehrte – Die Debatte um die Rückgabe geraubter Kulturgüter“. In: iz3w Nr. 255/2001.

Fastner, Carsten (2009): „Ins Herz der Finsternis“. In: Falter 26/09, S. 29.

Köfler, Barbara (2002): „Oscar Baumann. Die wechselseitige Beziehung zwischen Forschungs- und Kolonialinteressen“. In: Sauer, Walter (Hg): k.u.k. kolonial. Habsburgermonarchie und europäische Herrschaft in Afrika.

Krasny, Elke (2005): „Der Schmetterling, der Garten, die Insel und der Berg“. In: Das letzte Land. Österreichischer Pavillon, Giardini, 12. Juni – 6. November 2005.

Plankensteiner, Barbara (2002): „Endstation Museum. Österreichische Afrikareisende sammeln Ethnographica“. In: Sauer, Walter o.A.

Schwarz, Werner Michael (2001): Anthropologische Spektakel. Zur Schaustellung exotischer Menschen Wien 1870 – 1910.

Starl, Timm (2009): „Reisen im Museum. Ausstellung ,Zauber der Ferne. Imaginäre Reisen im 19. Jahrhundert‘“. Unter: timm-starl.at/fotokritiktext-41.htm.

Zimmerer, Jürgen (2004): „Im Dienste des Imperiums. Die Geographen der Berliner Universität zwischen Kolonialwissenschaften und Ostforschung“. In: Jahrbuch für Universitätsgeschichte, Band 7/2004.

www.freiburg-postkolonial.de

Lisa Bolyos ist antirassistische und feministische Aktivistin und (post)konzeptionelle Künstlerin, unter anderem im Kollektiv Annegang.