Freiwilligentätigkeit im Fokus
Wird es immer schwieriger Freiwillige zu finden oder liegt es an uns? – Eine Frage, die in letzter Zeit viele Kulturvereine beschäftigt. Wie es um das freiwillige Engagement in der österreichischen Bevölkerung bestellt ist, wird seit fast 20 Jahren erhoben. Der jüngst Bericht lässt vermuten, dass diese "Säule, die das gesellschaftliche Zusammenleben trägt" stabil ist. Aber ist dem so? Eine kritische Analyse der Entwicklung der Freiwilligentätigkeit, mit Fokus auf den Kulturbereich.
Freiwillige in Kulturinitiativen: Versuch einer Bestandsaufnahme
Analyse von Anton Limmer
Seit 2006 werden im Rahmen des Mikrozensus Zahlen zum freiwilligen Engagement erhoben; die aktuellste Auswertung wurden anlässlich des Tags des Ehrenamts am 5.12. veröffentlicht. Da Freiwillige für die Arbeit autonomer Kulturinitiativen unerlässlich sind, haben wir den Bericht und die Entwicklung über fast zwei Jahrzehnte genauer angesehen.
Was steht drin?
„Die wichtigste und dringlichste Frage des Lebens lautet: ‚Was tust du für andere?‘“, meinte Martin Luther King Jr., und eben das wird in einem (freiwilligen) Zusatzmodul zum Mikrozensus seit 2006 auch die österreichische Bevölkerung gefragt. Der Bericht 2025 zeige „eindrucksvoll, wie bedeutend freiwilliges Engagement für Österreich“ sei; Freiwilliges Engagement sei "wesentlicher Kitt" und "unverzichtbare Stütze" der Gesellschaft, wird Sozialministerin Korinna Schumann zitiert.
Und die Zahlen für 2025 schauen erstmal rosig aus: 48,2 %, also fast die Hälfte der österreichischen Bevölkerung haben sich 2025 freiwillig engagiert, das entspricht etwa 3,73 Millionen Menschen.1 Erfasst werden dabei nicht nur die „formelle“ Freiwilligentätigkeit in Vereinen und Organisationen, sondern auch „informelle“ Tätigkeiten im Rahmen der Nachbarschaftshilfe und in der Familie. Während die formelle Freiwilligentätigkeit im Laufe der Jahre deutlich zurückgegangen ist, ist die informelle (Nachbarschaftshilfe, private Unterstützung) zwischen 2006 und 2025 von 27 % auf 38,7 % angewachsen.

Quellen: Statistik Austria: Freiwilligenberichte 2009, 2014, 2019, 2022, Erhebung zur Freiwilligentätigkeit 2025
Dieses Wachstum hält die Gesamtzahlen stabil, sorgt teilweise sogar für ein deutliche Zunahme, doch der Schein trügt: Die Definition "informeller Freiwilligentätigkeit" wurde im Laufe der Jahre immer wieder erweitert und erfasst mittlerweile nahezu jegliche unbezahlte Tätigkeit außerhalb des eigenen Haushalts, etwa Kinderbetreuung, z.B. Babysitting bei Freund*innen oder Hausarbeiten, z.B. Blumen gießen bei Nachbar*innen. Informell kulturelle Tätigkeiten - etwa Musizieren bzw. Musikunterricht im Privatbereich - gibt es vermutlich, es wird aber anders als obige Beispiele nicht gesondert erfasst.
Relevanter sind aus Kunst- und Kulturperspektive daher die sogn. „formelle Freiwilligentätigkeiten“ ﹣ also ehrenamtliches Engagement in Vereinen und anderen gemeinnützigen Organisationen. Mit 21,5 Prozent lag der Bereich „Kunst, Kultur und Freizeit“ nach Sport (27,7 %) und Rettungsdiensten (23,3 %) an dritter Stelle der Themenbereiche formeller Freiwilligentätigkeit. 2025 waren knapp 400.000 Menschen ehrenamtlich in Kulturvereinen aktiv – 2006 waren es noch 516.500. 177.200 Menschen haben 2025 eine frühere formelle Tätigkeit beendet.
Was fehlt?
Eine feinere Aufschlüsselung der Kategorie "Kunst, Kultur und Freizeit" macht die Erhebung der Freiwilligentätigkeit 2025 nicht. Lediglich der erste Bericht 2009 ging ein wenig genauer auf die Zusammensetzung des Bereichs ein. Einen Eindruck vom möglichen Kulturbegriff der Erstellenden gibt die Startseite von freiwilligenweb.at, der zentralen Anlaufstelle für freiwilliges Engagement des Sozialministeriums:
Ist das noch Volkskultur oder schon internationaler Kulturaustausch mit dem folkloristisch angehauchten Herbstkarneval in München? Schwer zu sagen.
Etwas detaillierter ist die Kulturstatistik 2023: Sie erfasst zwar ebenfalls nicht, wie viele Freiwillige in der zeitgenössischen Kunst und Kultur tätig sind, liefert aber aggregierte Daten zur Volkskultur: So hatten beispielsweise die 2.180 Mitgliedsvereine des Österreichischen Blasmusikverbands 106.100 aktiven Musiker*innen, die 2.517 Chöre des Chorverbands 70.500 Sänger*innen an. Dazu kommen noch 1.338 Amateurtheatergruppen und 99 Schulspielgruppen.
Wie viele der fast 400.000 Freiwilligen, die sich in "Kunst, Kultur und Freizeit" engagieren, also in der zeitgenössischen Kunst und Kultur tätig sind – wir wissen es nicht. Ein wenig Sichtbarkeit und Wertschätzung für Freiwilligentätigkeit im Feld er Kulturinitiativen gibt es dennoch: So erging der seit 2023 vergebene Staatspreis für Ehrenamtliches Engagement 2024 an den Kulturverein Grammophon in der Kategorie „Innovation“ und 2025 an das OKH Vöcklabruck in der Kategorie „Inklusion“.
Wer engagiert sich?
Entsprechend wenig aussagekräftig sind für uns die Detailerhebungen, die der Bericht hinsichtlich Stundenausmaß und konkreten Tätigkeiten enthält; Erwähnenswert ist die soziodemographische Verteilung im Kulturbereich: Während Männer im gesamten formellen Freiwilligensektor mit 57,3 % deutlich überrepräsentiert sind, sind im Kulturbereich mit 51,2 % etwas mehr Frauen engagiert. Die Engagierten sind außerdem ein wenig jünger als im Durchschnitt (41 % unter 40 Jahre, 25,2 über 60 Jahre alt; Durchschnitt: 37,1 % bzw. 26,5 %) und (formell) gebildeter: 57,9 % haben mindestens Matura, gegenüber durchschnittlich 48,2 %. Deutlicher ist der Unterschied – wenig überraschend – nur im Bereiche Bildung selbst, wo 73% der Engagierten mindestens Matura haben.
Warum engagieren sich Menschen, warum nicht?
Bei den Gründen für ehrenamtliches Engagement hat sich über die Jahre wenig getan: 93 % der Freiwilligen geben an, dass sie anderen helfen möchten; 91,5 % haben Freude an der Tätigkeit, 85,8 % wollen etwas Nützliches zum Gemeinwohl beitragen.
Auch bei den Motiven, die gegen eine Teilnahme an freiwilligen Aktivitäten spricht, gibt es keine wesentlichen Veränderungen im Vergleich zu früheren Erhebungen. Die Auslastung durch Aufgaben innerhalb der Familie (67 %) ist weiterhin der Hauptgrund, keiner freiwilligen Tätigkeit nachzugehen; weitere wichtige Gründe sind: „nie darüber nachgedacht“ (61,7 %) oder „niemals gefragt oder gebeten worden“ (60,8 %). Klingt, als müsste man die Leute nur mal fragen…
Fazit
Die Erhebung zur Freiwilligentätigkeit 2025 bietet zwar interessante Überblickszahlen, für detaillierte Aussagen ist die Datenlage unzureichend. Die Trends sind beunruhigend: Der kontinuierliche Rückgang der formellen Freiwilligenarbeit seit 2006 ist ein Signal, das ernstgenommen werden muss. Eine tiefgreifendere Analyse dieser Verschiebung und konkrete Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung wären dringend erforderlich. Liegt es tatsächlich an der vielfach unterstellten fehlenden Bereitschaft junger Menschen, sich zu verpflichten; sich an einen Verein zu binden? Müssten die Rahmenbedingungen besser sein? Hat sich schlicht das Freizeitverhalten geändert?
Das Freiwilligengesetz von 2012 hat explizit die Förderung formeller Freiwilligenarbeit zum Ziel, die – das zeigt der Bericht einmal mehr – für den Erhalt kritischer gesellschaftlicher Infrastruktur in Österreich dringend notwendig ist, sei es im Rettungswesen oder im Kulturbereich. Die Entwicklung deutet darauf hin, dass klassische Vereinsstrukturen an Attraktivität verlieren und ein Gegensteuern auch politisch geboten wäre, statt mit ausufernden Definitionen informeller Freiwilligentätigkeit einen gefährlichen Abwärtstrend zu kaschieren.
1: Quellen: Pressemitteilung; Projektbericht
WegbröckelnKommentar von Yvonne Gimpel
Was im Dezember medial als positive Nachricht verbreitet wurde – jede zweite Person in Österreich engagiert sich ehrenamtlich –, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Marketingtrick. Die Zahlen zeigen eindeutig: Das sogenannte formelle Engagement, also jenes in Vereinen, ist deutlich rückläufig.
Zu feiern gibt es daher nichts. Im Gegenteil: Es bestünde Anlass zur Sorge – zumindest dann, wenn der gesetzliche Auftrag des Freiwilligengesetzes ernst genommen würde. Dieser verpflichtet klar dazu, formelles Engagement zu stärken. Wer das Problem jedoch nicht sehen will, verspürt auch keine Notwendigkeit Ursachen nachzugehen und gegenzusteuern. Wo alles „eh gut“ gilt, soll weder gefragt noch gehandelt werden. Kulturpolitisch ist dies ein weiterer Baustein im Gesamtbild: Angesichts wegbrechender Finanzierungszuschüsse – ein Sparpaket folgt dem nächsten auf Ebene von Bund, Ländern und Gemeinden – müssen immer mehr Aufgaben ins Ehrenamt verlagert werden, um die Strukturen zu erhalten. Gleichzeitig zeigen die Zahlen, dass genau dieses Ehrenamt zunehmend wegbricht. Von Entwicklung kann unter diesen Bedingungen kaum die Rede sein – bereits der bloße Erhalt gerät zunehmend unter Druck. Darüber hinaus legt der Bericht ein weiteres Defizit offen: Das mangelnde Verständnis von Kunst und Kultur als komplexes, differenziertes Arbeitsfeld. Kunst und Kultur werden mit Freizeitgestaltung gleichgesetzt. Um seriöse Aussagen treffen zu können, fehlt die notwendige Detailtiefe. Welche zentrale Rolle freiwilliges Engagement für Erhalt, Aufrechterhaltung und Stabilisierung der Strukturen spielt, bleibt damit unsichtbar. |