Schwerpunkt Demokratie: KULTUR MACHT GESELLSCHAFT
Die Ausgabe 2026 des IG Kultur Magazins widmet sich dem Themenkomplex Kultur & Demokratie – unter welchen Bedingungen stützen sie sich tatsächlich, wie ist die aktuelle Lage, aber vor allem: was bedeutet es für die Praxis der Kulturarbeit sowie die Kulturpolitik, wenn der Anspruch Kulturarbeit auch als demokratiestützende Infrastruktur zu verstehen, mehr als eine rhetorische Phrase sein soll.
Zum Magazinschwerpunkt: Kultur. Macht. Gesellschaft.
Stefanie Fridrik, Mika Palmisano, Elena Stoißer und Yvonne Gimpel
Anrufung und Abgesang der Demokratie ist der Soundtrack unserer Zeit. Während uns ein Chor aus Kassandras seit Jahren Refrains über das Erodieren demokratischer Prinzipien entgegen schmettert, vergeht kein Tag ohne öffentliches Loblied auf „unsere Demokratie“, die es zu verteidigen gilt. Das ist angesichts ihrer faktischen Schwächung verständlich und durchaus auch notwendig. Und doch stellt sich die Frage, welche (und wessen) Vorstellung von Demokratie überhaupt besungen wird? Wie ist das vereinbar mit den massiven Kürzungen von Sozial- und Kulturbudgets, die marginalisierte Gruppen weiter benachteiligen, Vielfalt und Partizipation verhindern? Was sagt es über „unsere Demokratie“ aus, wenn Kulturarbeiter*innen und zivilgesellschaftlichen Organisationen ums Überleben kämpfen?
Für dieses Magazin wollen wir nicht einfach in den Gesang einstimmen, sondern Kultur und Demokratie zur Debatte stellen. Was bedeutet kulturelle Demokratie als gelebte Praxis in den Räumen, die sich Vereine und Communities geschaffen haben? Was bedeutet es auf der Ebene von Konflikt und Aushandlung? Was kann die Verwaltung tun, um eine demokratische Gesellschaft zu stärken? Und welche kulturpolitischen Entscheidungen müssten getroffen werden?
Die Texte in diesem Magazin spielen auf einer Klaviatur an Perspektiven, die sich widersprechen dürfen. Sie versuchen eine Einordnung der aktuellen Lage und benennen Warnzeichen, die erkennbar sind – in Österreich und darüber hinaus. Dafür wirft Klara Koštal einen Blick auf die aktuellen Ergebnisse des österreichischen Demokratie-Monitors. Ruth Simsa legt einen Befund zur komplexen Bedrohung des kritischen zivilgesellschaftlichen Raums vor. Lidija Krienzer-Radojević und Vera Wolf diskutieren die aktuellen Budgetkürzungen und deren Auswirkungen auf ein solidarisches Miteinander.
Ebenso kritisch hinterfragt wird der Begriff „kulturelle Demokratie“. Wo lässt sich ansetzen, um eine konzeptuelle Schärfe zu erlangen? Wie und wozu soll dieses schon in den 1980er-Jahren
lancierte Konzept heute aktualisiert und mobilisiert werden? Monika Mokre erinnert daran, dass bereits jede Kulturdefinition demokratiepolitische Wirkung entfaltet – weil sie festlegt, was Kultur & Demokratie als wertvoll gilt und wer dazugehört. Asma Aiad schärft diese Perspektive weiter: Diversität wird oft gefeiert, solange sie nichts verändert, doch Teilhabe kann nur mit dazugehöriger Wirkungsmacht stattfinden.
Um der Komposition Variationen zu verleihen, geben Autor*innen Einblick in Praxisformen widerständiger Kulturarbeit in Museen, Kollektiven, Archiven und Vereinen. Das Museum/Muzej Peršman zeigt, wie Erinnerungsarbeit und antifaschistische Bildungsarbeit die Demokratie verteidigen, indem sie ihre Leerstellen offenlegen. Ana Grilc und Lia Kastiyo-Spinósa machen sichtbar, dass Kunst für marginalisierte Communitys eine Überlebensstrategie ist, um politische Forderungen gegen hegemoniale Narrative zu behaupten. Initiativen wie der Verein GemSe zeigen, dass demokratische Praxis auch bei Geld und Infrastruktur ansetzen kann: mit solidarischen Netzwerken und dem Anspruch, Finanzierung selbst zu organisieren.
In der Zusammenschau zeigen die Beiträge: Demokratische Kulturarbeit ist kollektive Praxis, die Erinnerung verteidigt, Räume besetzt, Ressourcen umverteilt und damit konkrete Gegenentwürfe zu nationalistischer, rassistischer und neoliberaler Verengung schafft. Kultur schafft Perspektiven. Perspektiven schaffen Demokratie.
Es gibt viel zu tun!
Wie erhalte ich das IG Kultur Magazin?
Mitglieder der IG Kultur Österreich erhalten das Magazin direkt per Post. Die digitale Ausgabe sowie die Beiträge des Magazins werden ab April 2026 veröffentlicht. Print-Exemplar können per E-Mail unter office@igkultur.at bestellt werden (Preis: 5,50 Euro + Portokosten).
Übersicht frühere Ausgaben des Zentralorgan für Kulturpolitik und Propaganda
Die Artikel des IG Magazins werden sukzessive im Laufe des Jahres 2026 online veröffentlicht und im Inhaltsverzeichnis verlinkt.
Inhaltsübersicht
PRAXIS
Die Kunst des Widerstandes
Ana Grilc
Kunst, die darüber hinaus geht
Lia Kastiyo-Spinósa
Karikatur:
Jessica Cortina López
Wir sind eh auf Instagram
Leonhard Rabensteiner
Demokratisierung von Finanzierung
Mika Palmisano
Das Museum Peršmanhof
Julia Stola und Markus Gönitzer
POLITIK
Zwischen Verwaltung, Mangel und Widerstand
Lidija Krienzer-Radojević und Vera Wolf im Gespräch
Kolumne: Alles für die Katz'
Andi Wahl
Demokratische Allianzen in der Kulturpolitik?
Thomas Diesenreiter
Diversität & Inklusion sind keine Almosen, sie sind bare-minimum!
Asma Aiad
Die Situation der Zivilgesellschaft in Österreich
Ruth Simse
Kolumne: Träum weiter...
Munira Mohamed
Frühe Warnzeichen – Kunstfreiheit und Demokratie im Stresstest
Yvonne Gimpel
INTERNATIONAL
Demokratie-Kompass
Klara Koštal
Von Erfahrungen mit nationalistischer Förderpolitik lernen
Maximilian Lehner
Kultur & Demokratie – die Evidenz
zusammengefasst von IG Kultur
Der unmögliche Traum
Anastasi Dourida
Infrastrukturarbeit ist nicht selbstverständlich
Marthe Nehl
THEORIE
Identitätsbildungen in Frage stellen
Stefanie Fridrik im Gespräch mit Monika Mokre
Durch kulturelle Demokratie zu Cultural Leadership
Lars Ebert
Wirkungsmessung kultureller Demokratieförderung
Stefan Schöggl
Konfliktmuskel für kulturelle Demokratie trainieren
Friederike Landau-Donnelly
Unbordered Memories
Rafia Shahnaz und Macchli
IG ARBEIT
Aus budgetären Gründen abgelehnt?
Anton Limmer
KUNST
PLAKATropolis
initiiert von quOchÖ