Zwischen Kulturauftrag und Kürzung: Der Spielboden setzt auf Mut
„Wer Demokratie will, unterstützt Kunst und Kultur.“ Mit diesem klaren Statement beschreibt Alexandra Abbrederis, neue Obfrau des Spielboden Dornbirn, den gesellschaftlichen Anspruch des größten Kulturzentrums Vorarlbergs. Gemeinsam mit Geschäftsführerin Heike Kaufmann will sie den Spielboden als offenen Begegnungs- und Diskursort weiterentwickeln. Während öffentliche Förderungen schrumpfen und wirtschaftliche Zwänge wachsen, plädiert Kaufmann dafür, mutig zu bleiben: „Wir müssen uns Neues trauen, Wagnisse eingehen und neue Formate entwickeln.“ Im Gespräch erzählen die beiden, warum Kultur weit mehr ist als Unterhaltung, weshalb Gemeinschaft und Solidarität zentrale Werte ihrer Arbeit sind und warum gerade Krisenzeiten Orte brauchen, an denen Gesellschaft verhandelt werden kann.
Vorstandswechsel und Neuausrichtung am Spielboden Dornbirn
Rund 400 Veranstaltungen jährlich präsentiert der Spielboden Dornbirn seit Jahrzehnten und ist damit ein prägender und partizipativer Ort für Kultur, Austausch und gesellschaftliche Debatten in Vorarlberg. Nun beginnt ein neues Kapitel: Mit Alexandra Abbrederis übernimmt erstmals eine Frau den Vorsitz des Vereins. Gemeinsam mit Geschäftsführerin Heike Kaufmann und dem haupt- und ehrenamtlichen Team möchte sie den Spielboden weiterentwickeln. Neben langjährig ehrenamtlich engagierten Vorstandsmitgliedern wie Beatrix Obwegeser, Marc Isele, Jörg Meißner und Jan Koller wird das Gremium um weitere neue Expertinnen ergänzt. Im Interview sprechen Alexandra Abbrederis und Heike Kaufmann mit IG Kultur Vorarlberg-Geschäftsführerin Mirjam Steinbock über neue Formen der Zusammenarbeit, gesellschaftspolitische Verantwortung, kulturelle Teilhabe und darüber, warum Kunst und Kultur gerade in herausfordernden Zeiten unverzichtbar sind.

Herzlichen Glückwunsch zum neuen Vorstand und einen guten Start! Wie ging es dir mit der Anfrage für diesen Posten, Alexandra?
Alexandra Abbrederis (rechts im Bild): Ich habe mich schon sehr über die Anfrage gefreut und ich habe auch Lust auf diese neue Rolle. Ich habe am Spielboden, das war damals mein erster Job, viele Menschen und Projekte wie das aktionstheater ensemble und das Freudenhaus kennengelernt und die begleiten mich noch immer.
Ein Generationenwechsel in einem Vereinsvorstand ist zur Zeit gar nicht so einfach. Wie habt Ihr den Übergang gestaltet?
Heike Kaufmann (links im Bild): Überlegungen in Richtung Vorstandsverjüngung gab es schon länger, das wurde in den letzten Jahren offen kommuniziert. Dass es jetzt mehr Frauen im Vorstand gibt, ist auch eine recht neue Entwicklung. Die Gruppe kann sich jetzt neu finden und das ist schon ein guter Prozess.
Alexandra Abbrederis: Heike und ich haben uns im Vorfeld zu einem sehr guten Austausch getroffen. In der ersten Vorstandssitzung wird es darum gehen: Wie wollen wir die Sitzungen mitgestalten? Was für Themen stehen an? Was soll man mitnehmen, was bisher gut war? Was wünscht man sich Neues?
Gibt es eine Idee, wie ihr die Vorstandsarbeit aufstellt?
Alexandra Abbrederis: Ich würde das als gleichberechtigten Austausch sehen und die Schritte sollten wir gemeinsam mit Heike und dem Team gehen, sie hat ja viel Erfahrung. Ich denke, dass es das Partizipative braucht.
Heike Kaufmann: Dadurch, dass es den Spielboden schon seit 45 Jahren gibt, ist Vieles auch eingefahren. Und mit der Vorstandswahl gibt es mal wieder eine Chance, ein neues Miteinander einzubringen, das sehe ich auf jeden Fall als großen Gewinn. Jetzt können wir Themen hinterfragen und schauen, wie wir beispielsweise neue Mitglieder gewinnen mit einer moderneren, zeitgemäßeren Form des Vereins.
Alexandra Abbrederis: Da kann ich total mit. Es wird immer schwieriger, Menschen für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen. Die Zeitfenster sind so knapp, man ist so eingedeckt mit Alltag, mit Care-Arbeit. Aber trotzdem haben die Menschen, und ich kann auch von mir reden, ein großes Interesse, sich für die Dinge zu engagieren, für die man Leidenschaft hat oder zu denen man gesellschaftlich beitragen will. Da Ansätze zu finden, halte ich für eine spannende Frage.
"Das Publikum kommt zum Spielboden (...) und will sich auch gut aufgehoben fühlen." - Heike Kaufmann
Der Spielboden hat vor einigen Jahren einen Ressourcen-Shift gewagt, als die Gastronomie in die GmbH eingegliedert wurde und ihr das selbst übernommen habt.
Heike Kaufmann: Als ich 2018 hier angefangen habe, war ich sehr überrascht, dass der Gastronomie-Bereich verpachtet war. Ich fand es eigenartig zu hören, das hier ist der Spielboden und das da ist die Kantine. Für mich gehört das zusammen. In der Corona-Zeit mussten wir uns etwas überlegen, weil in Zeiten der Lockdowns kein Pächter weiterarbeiten wollte. Und dann haben wir uns dazu entschieden, die Kantine selbst zu führen, was beim dritten Anlauf funktioniert hat. Seit einigen Jahren haben wir mit Olivia eine gastronomische Leitung, die Erfahrung mit Veranstaltungen und Kinder- und Jugendbeteiligung mitbrachte. Es kann auch nur so funktionieren, wenn die Gastronomie sich auf die Veranstaltungen einlässt und nicht nur wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen.
Wie geht es Euch jetzt unter diesen Rahmenbedingungen?
Heike Kaufmann: Mittlerweile hat sich der Kulturbetrieb so verändert, mit den ganzen Kürzungen und der Teuerung sind wir mit den Subventionen nicht mehr in der Lage, frei zu entscheiden, und es muss auch wirtschaftliche Überlegungen geben. Das eine schließt das andere aber nicht aus, man muss das als Gesamtes sehen. Das Publikum kommt zum Spielboden und natürlich will es Kultur erleben und genießen, aber es will sich auch gut aufgehoben fühlen. Und sich nach der Veranstaltung noch zu Gesprächen treffen. Das funktioniert nur mit einer guten Gastronomie.
"Wenn man eine demokratische und eine faire Gesellschaft will, dann muss in Kunst und Kultur investiert werden." - Alexandra Abbrederis
Welche Rolle seht ihr in Kunst und Kultur gerade jetzt inmitten gesellschaftlicher Umbrüche und wachsender Unsicherheiten?
Heike Kaufmann: Kunst und Kultur sind kein abgeschlossener Bereich, hier gibt es ja ganz viele Dimensionen wie die gesellschaftspolitische und die zwischenmenschliche. Durch dieses Zusammenspiel und das Pioniersein in vielen verschiedenen Bereichen sind Kunst und Kultur für mich dazu prädestiniert, Menschen zusammenbringen. Ganz wichtig auch, dass es hier eine Solidarität mit schwachen und marginalisierten Gruppen gibt. Kunst und Kultur werden im öffentlichen Verständnis immer als ein Nebenbereich, als Nebenschauplatz abgestempelt, aber das entspricht überhaupt nicht dem, wie ich das erlebe.
Wie erlebst du es?
Heike Kaufmann: Eben als bereichernden Weg und als verbindendes Element von ganz vielen verschiedenen Dimensionen. Nicht als irgendein Luxussegment der Gesellschaft, sondern als zwischenmenschliches Instrument.
Wenn ihr bei Veranstaltungen in die Gesichter siehst und die Energie mitkriegt, denkt ihr dann manchmal: Genau darum mache ich das?
Heike: Ja, oft sogar. Schon bei meinen früheren Tätigkeiten, hatte ich bei Konzerten das Gefühl, alle sind glücklich rund um mich herum. Dieses Wir-Gefühl, die Solidarität und dieses Gemeinschaftliche sind der Lohn für die Mühen.
Alexandra Abbrederis: Es ist schön, dir zuzuhören und ich kann das zu 100% bestätigen. Und ich finde diese politischen Entscheidungen einfach falsch. Jetzt sollte mehr in Kultur investiert werden und nicht weniger. Und ich glaube, wenn man eine demokratische und eine faire Gesellschaft will, dann muss in Kunst und Kultur investiert werden, weil wie du es so schön beschrieben hast, da verhandeln wir unser Leben, da haben wir Erkenntnisse, da finden wir ein gemeinsames Miteinander. Mich macht es sehr traurig und auch wütend, dass die Politik dem so wenig Stellenwert gibt. Kunst und Kultur sind wesentlich für eine freie Gesellschaft. Über die Kulturtechnik hat die Menschheit sich erst entwickeln können. Wer Demokratie will, unterstützt Kunst und Kultur.
Wir hatten Fair Pay in Griffweite." - Heike Kaufmann
Nochmal zurück zu den Formaten am Spielboden, die mit Konzerten, Kabarett, Familienprogramm, Tanz, Menschenrechtsfestivals sehr vielfältig sind. Gibt es darunter etwas, das wie von selbst läuft?
Heike Kaufmann: Es ist wahrscheinlich diese Vielfalt und es hat alles Gründe, warum die Formate laufen. Im Kabarett kann man sich kritisch, aber auch humorvoll mit Geschehnissen der Zeit auseinandersetzen. Das ist ein niederschwelliger Zugang zu Gesellschaftskritik. Das war ganz stark nach der Pandemie und ist auch jetzt zu bemerken, dass die Leute unterhalten werden und abschalten möchten. Vor ein paar Jahren wurde von Kinosterben gesprochen, das können wir nicht bestätigen. Wir arbeiten auch mit verschiedenen Initiativen wie der Menschenrechtsplattform zusammen. Der Zuspruch ist höher denn je. Aber man muss sich auch permanent auf das Publikum und seine Bedürfnisse einstellen und ausprobieren. Gutes Beispiel ist das Strickkino, das ist ein gemeinschaftliches Kinoerlebnis, bei dem die Leute etwas Kreatives tun können. Und Musik ist etwas, das nach wie vor funktioniert, weil es als Live-Erlebnis mit Wir-Gefühl die Emotionen anspricht.
Wie ist es für euch trotz aller Einschränkungen möglich, den Betrieb zu fahren? Wo müsst ihr - schon jetzt - Abstriche machen? Bspw. bei Fair Pay für Honorare und Gehälter?
Heike Kaufmann: Wir hatten Fair Pay in Griffweite, der Prozess wurde aber durch Kürzungen und dem neuerlichen Abwenden auf der kulturpolitischen Agenda wieder abgewürgt, bevor das Vorhaben umgesetzt werden konnte. Bei unserem Programm gibt es bereits Einschränkungen. Man kann nicht mehr so viel Gratis-Veranstaltungen anbieten und wir müssen wirtschaftlicher denken. Die Rangiermasse, mit der wir das Budget herumjonglieren, wird immer kleiner. Es gibt nicht mehr viel Spielraum für Unvorhergesehenes, für Weiterentwicklungen oder für ein nicht-kommerzielles Nischenprogramm. Gerade ein niederschwelliges Angebot für marginalisierte Gruppen lässt sich nicht in wirtschaftlichen Kategorien denken. Es geht um die Balance, aber wenn wir nur mehr Formate programmieren können, die die Mehrheit der Gesellschaft ansprechen, ist unser Kulturauftrag nicht mehr erfüllt. Ein 08/15-Programm ist nicht unser Ziel. Wir müssen uns Neues trauen, Wagnisse eingehen und neue Formate entwickeln. Und dazu braucht es einfach finanzielle Ressourcen.
Alexandra Abbrederis: Dieses Engagement von Menschen, die im Kulturbetrieb arbeiten, erhalten wahnsinnig lang Vieles aufrecht, sogar in prekären Arbeitssituationen. Das wissen wir und es ist die Gefahr in den nächsten Jahren, weil es darum geht, dass das Geld immer knapper wird. Und es wird oft der Erfolg an Zahlen und an Publikumsmengen gemessen und diesbezüglich in einen Prozess zu gehen und zu fragen, okay, wie können wir diesen Anspruch, den wir an Kultur haben, ohne Masse und das Kommerzielle erfüllen? Ich denke, da müssen wir dann auch den Mut haben, als Verein hinzuschauen.
Wo genau muss man hinschauen?
Alexandra Abbrederis: Nicht zu sagen, ich gehe nur auf die sichere Schiene, sondern ein Programm zu machen, das den eigenen kulturellen Zielsetzungen entspricht. Man wird oft an der Menge der Veranstaltungen gemessen. Das ist ja insgesamt im Kulturbetrieb eine große Diskussion, gerade auch in Museen oder Theatern, die ganzen Konzepte werden immer kommerzieller, werden immer mehr Event-like. Sehr schwierig, wenn Kunst und Kultur nur der Marktlogik folgen sollen. Natürlich müssen wir mit den Geldern entsprechend verantwortungsvoll umgehen. Und natürlich müssen wir auch nach Sponsor:innen schauen, was heutzutage alles andere als einfach ist. Aber wir müssen uns auch dieser Wirtschaftslogik immer wieder entziehen.
Es braucht sicher etwas Zeit, um in euren unterschiedlichen Teamrollen mit operativem und strategischem Fokus zusammenzuwachsen. Oder hinterfragt ihr nochmals, was genau eure Aufgaben sind?
Alexandra Abbrederis: Mir ist ein großes Anliegen, dass es da eine gute Schnittstelle und Kommunikation zwischen dem Team und dem Vorstand gibt. Ein konkretes Beispiel sind Themen wie Mitgliederwerbung. Da muss einfach diese Person aus dem Team mit dabei sein, die da die Schnittstelle ist. Team und Vorstand sind zwei Organe, aber nicht zwei Welten, und es braucht die Schnittmenge.
Routine scheint oft ein Hindernis bei Transformationsprozessen zu sein.
Alexandra Abbrederis: Ich finde, dass die Routine oft zu Unrecht einen schlechten Ruf hat, gerade in solchen Veränderungsprozessen, weil sie Stabilität bringt und sehr viel auch sehr gut funktioniert. Ich halte nichts davon, beim Neustart alles anders machen zu wollen. Ich finde, das ist ein sehr sensibler Prozess. Es geht um das Gemeinsame und - das ist in unserer Zeit auch nicht immer einfach zu sagen - um eine gewisse Langsamkeit. Also ich halte nichts davon, da jetzt eine große Unruhe reinzubringen, die braucht es ja nicht, es funktioniert, es ist ein gutes Team da. Trotzdem müssen wir uns die Zeit nehmen, um gemeinsam immer wieder Denkräume zu öffnen.
"Unser wichtigster Auftrag ist aus meiner Sicht, mit der Zeit zu gehen und auch Vorreiter zu sein." - Heike Kaufmann
Wann oder wodurch hältst du dein Vorgehen als Obfrau für gelungen?
Alexandra Abbrederis: Mir ist viel Vorschuss-Vertrauen entgegengebracht worden, also so nehme ich es wahr, jetzt in unseren Gesprächen, aber auch von Anfang an mit allen im Vorstand. Und wenn wir ein gutes Miteinander haben, dann finde ich es wirklich gut.
Und Du als Geschäftsführerin?
Heike Kaufmann: Ich wünsche mir auch ein gutes Miteinander, eine gute Kommunikation, das ist eigentlich das Wichtigste. Zum einen Stabilität, zum anderen auch den Mut, Dinge neu zu denken und zu kombinieren.
Zugunsten eines Spielbodens, der jetzt und in Zukunft wie gestaltet sein soll?
Heike Kaufmann: Unser wichtigster Auftrag ist aus meiner Sicht, mit der Zeit zu gehen und auch Vorreiter zu sein, also seiner Zeit voraus zu sein. Der Spielboden hat sich immer mit den Bedürfnissen der Menschen entwickelt, etwas gewagt und in die Zukunft geschaut. Er soll im Gespräch bleiben, sowohl nach außen hin mit Anschluss an die jungen Menschen als auch innerhalb.
Alexandra Abbrederis: Die Funktion des Spielbodens geht weit darüber hinaus, ein tolles Programm zu liefern. Er ist, wie du Heike das vorher skizziert hast, ein Begegnungs- und ein Diskursort, an dem gesellschaftlich relevante Themen Platz haben und verhandelt werden. Das ist seine wesentliche Identität. Ob das Produktionen sind, ob das mit Filmreihen geschieht. Wenn du mich fragst, warum bist du Obfrau, ist mir das ein Anliegen: Dass der Spielboden diese Relevanz schafft - für die Vorarlberger Gesellschaft.
Vielen Dank für das ehrliche und aufschlussreiche Gespräch und nochmals alles Gute für eine gelingende und motivierte Zusammenarbeit!
Informationen zum Spielboden-Team und zum Programm unter https://www.spielboden.at
Fotos: @Spielboden, dynamofestival.at / Teamfoto mit links Heike Kaufmann und rechts Alexandra Abbrederis: IG Kultur Vorarlberg